Schule ohne Schulklingel

Schüler

Schoolbell`s out forever

Der Beobachter steht an einem normalen Schulvormittag am Fenster, schaut während der großen Pause vom Flur aus auf den Schulhof und hat ausnahmsweise die Uhr nicht im Blick. Er sieht lachende, redende, rennende, kauende Kinder und Jugendliche und freut sich über das angenehme Bild.

Plötzlich, wie von Geisterhand, leert sich der Schulhof allmählich, Schülerinnen und Schüler verabschieden sich, letzte, sich beeilende Kinder laufen mit einem Ball unter dem Arm Richtung Schulgebäude. Dann öffnet sich die Tür vom Lehrerzimmer und die Kolleg*innen strömen meist Material unter dem Arm in die Klassenzimmer. Das Allermeiste läuft sehr geordnet ab, pünktlich gehen die Türen zu und der Unterricht kann überall beginnen. Der Beobachter stutzt und hat das merkwürdige Gefühl, dass hier irgendetwas ganz Entscheidendes fehlt. Dann fällt es ihm auf: Der unerbittliche Lärm der Schulklingel ist nicht zu vernehmen. Dieses Signal der Taktung und des zeitlichen Zwangs, das seit langen Jahren jedes Bild von Schule begleitet und nachhaltig geprägt hat.

Unsere Schule ist seit diesem Schuljahr frei von dieser Unerbittlichkeit. Diese Umstellung klappt hervorragend und die sich daraus ergebenden Veränderungen tragen viel zur Beruhigung und zur Entzerrung des Schulalltags bei.
Wir haben schon vor etlichen Jahren begonnen, dem strengen Rhythmus der Klingel zumindest in einem ersten, kleinen Schritt zu begegnen. Damals wurde das Läuten zwischen den beiden ersten Stunden abgeschafft, um am Beginn des Schultags eine Zeitzone zu schaffen, die ununterbrochenes und konzentrierteres Arbeiten möglich macht. Hierbei haben wir schon festgestellt, wie wohltuend und gewinnbringend es ist, sich dem traditionellen und scheinbar durch die Klingel zementierten Ablauf teilweise entziehen zu können
Der nun entscheidende, für viele kaum vorstellbare Schritt kam mit und durch die Zwänge und Vorgaben der Corona-Pandemie. Um die Zahl der Schüler*innen, die sich gleichzeitig auf den Gängen und im Hof bewegen, zu begrenzen, haben wir die Anfangszeiten der Schulstunden gestaffelt. Dazu musste, um ein Chaos zu vermeiden, die Schulklingel abgestellt werden.
Wir stellten während dieser Zeit fest, dass es überaus angenehm ist und viele Vorteile hat, wenn es nicht klingelt und der Unterricht so in feste, zementierte Blöcke eingeteilt wird. Man kann dem Unterrichtsablauf und -rhythmus entsprechend Pausen dann setzen, wenn es passt und allen hilft und nicht, wenn es ein schrilles akustisches Zeichen vorschreibt. Und wir haben auch erfreulicherweise gemerkt, dass wir die schrille Klingel überhaupt nicht brauchen, damit der Stundenwechsel trotzdem pünktlich und geordnet stattfindet. Deshalb wurde nun beschlossen, die Schulklingel endgültig und über die Pandemie hinaus ausgeschaltet zu lassen.

Bis jetzt sind alle Beteiligten damit mehr als zufrieden, da die Hektik und der Dauerlauf des Schulalltags einer dem Lernen und der Zusammenarbeit sehr zuträglichen Entspanntheit und Gelassenheit gewichen sind.

Dietmar Schmid