handy01"Oh Gott..."

...bis nächste Woche

Als der K1-Kurs Literatur und Theater Ende Januar als Expertenschar die Inszenierung des Stückes Woyzeck am Heidelberger Theater begleitete und bei einem Besuch eines verantwortlichen Theaterpädagogen die Frage aufkam, was für Jugendliche heutzutage „Druck“ bedeute, unter welchen Erwartungen und sozialen Nöten man stehe, kam schnell die Sprache auf den täglichen – stündlichen – minütlichen Smartphone-Wahnsinn. Wer nicht ständig online ist, wer nicht innerhalb weniger Minuten auf seine Nachrichten in den verschiedenen sogenannten sozialen Netzwerken reagiert, spürt sofort, was sozialer Druck ist.

Also fand sich innerhalb des Kurses nach kurzer gemeinsamer Absprache eine mutige Gruppe, die sich verabredete, das eigene Smartphone für eine Woche abzugeben, einzuschließen, auszuschalten.

handy02"...nein!...!

Vergangenen Dienstag legten dann Emilia Behrens, Annalena Drews, Magrethe Jensen, Hannah Papp, Lily Otter, Erik Rückemann, Isabel Staatz, Johanna Volkert und ich als ihr Lehrer unsere Smartphones in einen Pappkarton, der dick mit Klebeband umwickelt und dann fest eingeschlossen wurde.

Dort ruhten sie nun für sieben Tage, bis zum darauffolgenden Dienstag.

Als der Tag gekommen war, an dem die Handys zu ihren Besitzern, Betreuern, Verwaltern (?) zurückkehren durften, stellten wir uns zunächst die Frage, wer von den Beteiligten spontan und sofort das Projekt um eine Woche verlängern würde:

handy03Jetzt wird's ernst...

Die Hälfte der Beteiligten (fünf von neun) wäre dazu bereit gewesen. Die zweite Frage lautete: Wer von den Beteiligten würde das Projekt nach einer gewissen Zeit wiederholen? Alle neun sagten zu. Von denen, die nicht mitgemacht hatten, gaben alle außer eine Person an, dies zu bereuen und beim nächsten Mal dabei sein zu wollen.

Warum aber hatten diese beim ersten Mal nicht mitgemacht? Eine Umfrage ergab beispielsweise folgende Antworten: „Ich habe mein mobiles Telefon für die Kommunikation […] wegen Klausuren gebraucht.“ / „Ich habe mein Handy nicht abgegeben, weil ich […] erreichbar sein musste.“ / „[…], da wir gerade umziehen.“

handy04todernst

Die Frage an die Beteiligten, was sie zum Mitmachten animierte, führte unter anderem zu folgenden Aussagen: „[…], weil es interessant schien, nicht pemanent mit dem Internet / allen Leuten in Kontakt zu sein.“ / „Ich wollte man sehen, ob es noch geht ohne Handy, ob man mehr Zeit hat.“ / „[…] um zu sehen, wie abhängig ich, mein Alltag und Leben von meinem Handy ist.“ / „[…] um mal eine Woche Pause von sozialem Druck (immer erreichbar zu sein) zu haben“ usw.

Und wie war die Woche nun?

Alles in allem reichten die Antworten von „insgesamt positiv“ bis „sehr positiv“.

handy05kein Zurück

Die Teilnehmer nahmen wahr, dass die Organisation von Terminen zwar schwieriger war, aber durchaus auch möglich. Man musste eben das Festnetz nutzen und direkt darüber kommunizieren. Allerdings gingen dabei ein paar Termine flöten. Der Aspekt „Zeit“ wurde als Gewinn wahrgenommen: Man verbrachte die Zeit mit den Aktivitäten intensiver, ruhiger und auch länger. Vor allem die Abende schienen plötzlich länger, man konnte sie besser nutzen, d.h. man hatte das Gefühl, ihnen mehr Sinn zu geben. Und trotz der eingeschränkten Erreichbarkeit: Die sozialen Kontakte haben insgesamt nicht wirklich gelitten.

Auch andere E.I.-Schüler, die von der Aktion Wind bekamen, wünschten sich spontan, einmal daran teilhaben zu können.

Also: Vielleicht gibt es ja eine Wiederholung in größerem Rahmen? Schüler und Lehrer – aber gerne auch Eltern wären aufgerufen, sich uns anzuschließen.

René Ullrich-Gérard & der Kurs Literatur & Theater der K1